Verworren, verstiegen, verloren

Lieber DD,

gestern Abend schrieben Sie mir aus jener 545 km entfernten Parallelwelt, die sich  Heimat nennt, Sie seien gleich bei meinem „alten Schulkumpel Henrik aufm Konzert“. Zum einen: Sie zeichnen hier eine Vergangenheit, die mich ehrt, aber ganz klar eine romantische Reminiszenz bebildert, die es so nie gab. Aber lassen wir das. Die andere Sache ist nämlich die, dass aus ihren Worten allein insofern und immer wieder mich konfrontierend Unerreichbares durchwirkt. Ich fühle mich so weit von Ihnen entfernt. Und dieser Umstand ist keiner, der sich in Kilometern illustrieren lässt.

Sehen Sie, ich weiß ja nicht mal mehr genau, was ich hier heute eigentlich schreiben wollte. Vor 5 Minuten schien es noch klar. Nun ist es schon wieder verloren. Wahrscheinlich lebe ich mit Ihnen und an Ihrem Beispiel vor allem eine Projektion. Aber Sie scheinen dem Leben doch insgesamt unaufgeregter zu begegnen im Vergleich zu dem, wie mir die Welt über Ihre Person hinaus scheint.

So viele Stimmen es dieser Tage gibt. Hören Sie sie auch? Ist das etwas, womit Sie sich im bergischen Äquivalent der unruhigen Berliner Welten – dem Luisenviertel – ebenso auseinandersetzen? Ist das etwas, mit dem man sich überhaupt auseinander setzen sollte? Verstehen Sie eigentlich, worauf ich gerade hinaus will?

Ich habe vor kurzem und viele Jahre nach meinem Studium noch einmal Heinz Bude zur Hand genommen und fühlte mich über die Lektüre seiner Gedanken sehr ertappt. Zum einen über seine Fähigkeit, die Dinge zu beobachten anstatt aus ihrer Mitte über sie zu berichten. Zum anderen, weil er so deutlich in jenem Buch, das ich las, sezierte, worin wir uns gerade – zumindest seiner Gedankenwelt folgend – einrichten: Politische Lager. Stimmungen. Abgrenzungsmanöver. Alles ist politisch. Ganz plötzlich. Nachdem vieles sehr lange vor allem privat schien – und ich mich sehr darüber ereiferte, wie das sein könne. Nun da alles Private wieder politisch ist, komme ich nicht umhin, mich vor der totalen Politisierung regelrecht zu fürchten.

Ein großes Hauen und Stechen ist das. Vor allem ein Misstrauen, kaum Wohlwollen, viel aus dem Besserwissen gespeister Dünkel, wenig(er) Bereitschaft, dem anderen, der anderen (Meinung/Person/you name it) zu begegnen.

So wirr diese Zeilen beginnen, so wirr werden sie enden. Denn gerade vermag ich nicht mehr, als das zu schreiben, entgleitet mir der Sinn. Aber darauf zielt das hier ja eh alles nicht ab. Dieser Ort, den wir so ohne Motiv gegründet haben und allein darin dem widersteht, was die Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse da draußen meint. Aber das ist ein Thema für sich und wird bald vielleicht schon bedacht. Oder auch nicht. Wir wollen ja unvorhersehbar bleiben, nicht wahr, Herr D.? Unvorhersehbarkeit als eigentlicher Ort des Widerstands innerhalb des Systems.

Überhaupt: System!

Wir wollen uns nicht weiter verrennen und lieber schlafen.

Gute Nacht,

Ihre K.

 

 

 

 

 

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