Öffentlichkeit als Anmaßung

Werter DD,

 

ich schreibe Ihnen. „Schon wieder?“, stöhnen Sie vielleicht innerlich oder auch laut vor Ihrem von der Mosel mitgebrachten Apéritif sitzend. „LOL, als ob!“, rufen Sie nun vielleicht wiederum und weiter: „Von wegen Apéritif!“ „Aber, aber, Herr D!“, entgegnete ich Ihnen, um in diesem Szenario zu bleiben, wiederum: „Seien Sie gnädig. Ich schrieb ja, an meinem Sein ohne Wein zu arbeiten.“

 

Jedenfalls: Sie stöhnen, raunen oder rufen derlei wohl nie in Gegenwart anderer. Und da wären wir schon beim Thema.

 

Sie maßen sich nämlich nicht an, andere allzu sehr zu konfrontieren. Also zumindest nehme ich das nicht von Ihnen an, weil Sie sich im Zweifel und in meinem Beisein immer zu betragen wussten. Und ja ja, Sie liegen damit sehr wahrscheinlich sehr richtig und allemal auf der Seite jener, vor denen ich immer am meisten Hochachtung hatte:  vor jenen Menschen nämlich, die wissend, nichts zu wissen, im Zweifel den Mund hielten.

 

Nun verhindert aber regelmäßig jener Umstand – nämlich nichts zu wissen – einen Haufen Leute nicht, das zu tun, wovon ich hier heute schreiben will: mit ihrer Meinung, ihrem „Wissen“ in die Öffentlichkeit zu treten und sich insofern jenen anzumaßen, denen sie etwas vortragen (oder die sich etwas vortragen lassen).

 

Wenn Sie sich also ereiferten, dass das niemandem zu empfehlen sei, dann liegen Sie selbstredend sehr richtig, Herr D. Und doch stellt sich mir dann die Frage, inwieweit es nicht einer Reaktion auf all das bedarf, was da zuweilen so in die Welt getragen wird. Und sicher, allein dieser Umstand, also anzunehmen, dass es Menschen gäbe, die im Unterschied zu anderen – aus welchen Gründen und Motiven auch immer – sich entgegen der Tatsache, eigentlich nichts zu wissen, nicht scheuen, sich nach außen zu stülpen, ist für sich wohl eine Anmaßung. Können Sie mir noch folgen, DD? Halllooo!

 

Letztlich stellt sich also die Frage, wer sich überhaupt nach außen stülpen sollte mit dem, was er ist, denkt, meint? Zu meinen wiederum nämlich, dass die einen dazu eher befähigt seien als die anderen und insofern berechtigt, „zum Volke zu sprechen“, ist wahrscheinlich kein besonders demokratischer Gedanke. Andererseits formulierten die Alten Griechen bereits, streng genommen Platon in seinem Kreislauf der Verfassungen, dass auf die Demokratie ja auch nur die tyrannis folge. Insofern: sollten immer alle mitreden sollen, dürfen, müssen? Und wenn wir uns dagegen entschlössen, wer würde entscheiden, wer reden dürfte und wer nicht? Die Herkunft (Haha, eine alte Bekannte), ein Gremium, das Los?

 

Gut. Ein weiter Sprung. Sehen Sie, noch so eine Gefahr. Nähme ich es mit dem, was mir, Ihnen, uns einmal im Studium (oder sinnverwandt wo auch immer) angetragen wurde, ernst, dürfte das hier eh alles nicht sein: irgendwelche, weder evaluierten noch geprüften Behauptungen als Wahrheiten in die digitale Welt zu schmeißen. Ich musste erst kürzlich schmunzeln, während ich etwas aus dem H-Soz-Kult-Universum postete: einen Bericht zu einer Tagung, auf der eine meiner ehemaligen Dozentinnen einen Vortrag gehalten hatte – über die Standortdebatte. Nein, eigentlich hielt sie natürlich keinen Vortrag über die Standortdebatte, sondern eher über ihre Herleitung respektive, inwieweit wir das, was sie zu beschreiben ersuchte, überhaupt als Phänomen begreifen können. Allein einen Begriff zu besetzen, wäre rein wissentlich betrachtet, wohl schon zu viel der Anmaßung.

 

Wie dem auch sei: Ich maße mich also dieser Tage an. Und ich weiß nicht, ob das zu entschuldigen ist. Im Zweifel ist es ohnehin irrelevant, was ich da nach außen trage und bedeutet mir mehr Schmerzen, als dass darüber für irgendjemanden ein Nutzen zu verzeichnen wäre.

 

Gut, dass sie all diesem bullshit widerstehen.

 

 

Ja, wirklich!

Ihre K

 

 

 

 

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