Aus der Mitte der Gesellschaft ist nichts zu erreichen

Verehrter Dirk, Sie Zombie Sie!

Sie wissen ja, ich schreibe für diesen Blog. Nicht diesen. Den anderen. Oder wissen Sie das nicht? Das kann natürlich sein, weil wir uns nie darüber unterhalten und ohnehin so selten sehen. Ich will Ihnen das auch gar nicht ankreiden. Letztlich ist das, jener Blog und mein Anteil daran auch gar nicht so wichtig.

Wobei. Die Gründerinnen verstehen sich, glaube ich, vornehmlich als Lifestyle-Pflanzen und dementsprechend den (oder das?) Blog als ebensolches Gewächs. Sie mögen immer nicht so gerne, wenn ich finde, wir könnten ja mal Politisches auf die Blog-Agenda setzen. Da seien die Leser immer nicht so für zu haben.

Ich, das will ich Ihnen heute sagen, habe mich jedenfalls nie als lifestylig verstanden und wenn dem doch so sein sollte und ich das hier nur behaupte, weil ich vergessen habe, wie es um mich mit Anfang 20 bestellt war, dann hauen Sie mir gerne eine drüber.

Fangen wir trotzdem noch einmal an: Ich habe mich jedenfalls nie als lifestylig verstanden und nun lenken Sie bitte nicht ab, wo denn dieses lifestylig her käme und ob das überhaupt ein Wort sei, warum ich überhaupt diese Sätze so lang geraten ließe? ich will Ihnen sagen, in der Originalausgabe von Pu der Bär kommen ebenso viele Schachtelmomente vor und es liest sich doch gerade deshalb so schön. Und überhaupt: über Dinge, Worte, Gedanken zu stolpern ist ja erst Mal gut. Lifestylig also.

Versuchen wir es noch einmal.

Ich habe mich nie als lifestylig verstanden. Und das hat einen guten Grund: Eine solche Einstellung zum Leben ist mir per se zuwider.

Sehen Sie, ich möchte noch ein Beispiel anführen: Vor ein paar Wochen saß ich mit jemandem zusammen. Sie wissen schon, auf dieser Bank vor meinem Haus. Jedenfalls tranken wir Wein, weil ich das auf dieser Bank immer tue in wechselnder Begleitung. Manchmal rauche ich dort auch, kommt auf die Person neben mir an. Manchmal küsse ich dort auch Menschen, kommt auf die Person neben mir an.

Die Person an jenem Abend küsste ich jedenfalls. Geraucht habe ich hingegen nicht. Inzwischen denke ich allerdings: hätte ich das mal besser getan, dann hätte die Person mich vielleicht auch nicht küssen wollen. Das wäre für alle Beteiligten besser gewesen. Denn, was jene Person an jenem Abend im Weiteren dann noch so daher redete, hätte mich eigentlich ebenso dazu verleiten sollen, keine Intimitäten mehr austauschen zu wollen.

Sie sprach, diese Person, dass sie sich eigentlich nicht gerne über Politik unterhalte.

Sie finden, dass sei okay so, Herr D? Nein, kleiner Scherz diese Frage. Ich kenne sie ja. Sie würden so etwas nie sagen. Nie.

Und das hat einen guten Grund: Weil Ihnen – wie mir ebenso – eine solche Einstellung zum Leben per se zuwider ist.

Es ließe sich sicher darüber streiten, ob man sich denn immerzu und ständig über Politisches unterhalten müsste. Wobei!

Aber mir setzt doch zunehmend und ausgerechnet in unseren, diesen Tagen zu, dass die Menschen offenbar immer nur über Politisches sprechen wollen, wenn sie selbst betroffen sind. Ansonsten wenden sie sich gerne ab und gehen bei Aesop hübsch verpackte und so schön nach Kräutern duftende Seife kaufen, die niemand braucht, weil Aesop-Seifen einfach viel zu teuer sind und dieser ganze meine-Wohnung-soll-schick-sein-Kommerz mir ohnehin sowas von AUF DIE NERVEN geht, während die Welt an den Rändern unserer Aesos-Bubble untergeht.

Einatmen! Ausatmen!

Ich lebe noch. Keine Angst und kein Herzinfarkt. Wir existieren noch, die Welt, Sie und ich. Gut.

Sie sehen: Ich kann es nicht verstehen und ich habe auch keine Lust mehr, Teil von etwas zu sein, das sich lieber in Instagram-Filtern einrichtet als über Wesentliches zu sprechen. Wissen Sie, das was da draußen gerade passiert, ist vor allem ein Symptom. Ein Symptom einer Krankheit, die eine gaaaaanze Zeit lang schon wuchert, während sich am Rande des Krankenbettes alle wundern, wie es denn nur soweit kommen konnte. Ich kann sie auf dem Flur über den Patienten sprechen hören: „So von einem auf den anderen Tag. Das kam alles so plötzlich!“

Kam es nicht.

Wir, die „vielen“, waren nur nicht betroffen und über die Betroffenheit anderer zu räsonieren, das schickt sich in der Mitte der Gesellschaft und Lifestyle-Generation, weit entrückt vom „Pöbel“ offenbar nicht.

!

Ich spare mir meine Küsse und fange außerdem wieder mit dem Rauchen an.

K.

 

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