Gute Zeiten, schlechte Tage

Herr D.,

ich will einmal wieder Sie anschreiben, anstatt einfach ins Blaue. Mir ist gerade danach. So lassen Sie mich doch! Dieser Post war eigentlich bereits eingestellt. Text mit Unterpunkten, Zitaten und Videos als Einschüben. Großes Kino. Ganz die Vice. Bloß dem Leser nicht zu viele Buchstaben auf einmal zumuten. Immer schön in kleinen Häppchen, weil es dieser Tage wahrscheinlich ansonsten Medikamente bedürfte, um die Leute wieder aufs Lesen einzustellen. Können Sie sie noch gut konzentrieren?

Gut, darauf wollte ich letztlich gar nicht hinaus. Manchmal ist es ja auch einfach so, dass man zu schreiben beginnt, weil man das Gefühl hat, es müsse irgendetwas raus. So ist es heute. Eher so eine irrationale Kiste, falls sie verstehen. Und da wären wir dann doch. Denn: Irrationalität. Würden Sie, Herr D., mir bitte einmal erklären, was daraus geworden ist, bzw. seit wann eigentlich alle nur noch so scheinbar linear und ohne Abweichungen ihres Weges gehen?

Ich habe mir die vergangenen Tage wirklich Mühe gegeben, diese Sache hier vielleicht doch nochmal in eine ganz bestimmte Richtung zu schubsen. So als Referenz. Sie verstehen vielleicht. Dachte daran,  stringent bestimmte Themen zu bedienen. Die bestimmt auch wichtig sind. Oder auch nicht. Im Moment und seitdem alle meinen, irgendwas schreiben zu müssen, zu wollen, sich als Korrektur aufzuführen, nimmt das Geschriebene doch Überhand. Zumal die Kluft zwischen geschriebenem und dem, was überhaupt noch gelesen wird, kaum größer sein könnte. Und mir geht es ja selbst so. Ich kann den allerwenigsten Artikeln etwa etwas, geschweige denn einen Mehrwert abgewinnen. Als finde da draußen nur noch dieses Grundrauschen statt, ohne Unterlass und ohne Pause. Durchgehender Alarm. Keine Zeit mehr, sich zu beruhigen.

Verrückt sie sind, diese Tage. Ja wirklich. Nein, eigentlich eher trivial.

Mir fiel das schon vor Jahren auf. Ich meine, dass mein Bewusstsein sich für diesen Zustand des Dauerbeschusses irgendwann an die Finanzkrise 2008 anschloss. Dass mit einem Mal eine Krise auf die nächste folgte. Dass diese Entwicklungen sich sogar zu überlappen begannen.

Ich glaube jedenfalls, dass die Menschen und wie sie dieser Tage so bestimmten Parametern folgen, in der Reaktion auf diesen Dauerzustand sind, wie sie sind. Vor allem auf sich selbst bezogen. Immer damit beschäftigt, wie noch ein Quentchen mehr herauszuholen ist. Als feierten sie diese Party, die wir Leben nennen, ein letztes Mal. Als beträten sie als letzte ihrer Art diesen Planeten. Sie fliegen von Singapur nach L.A., kaufen sich Autos, die wie Panzer aussehen, und ihren Kindern für ein Budget Spielzeug, von dem in anderen Teilen dieser Welt, ganze Stämme ein Leben lang versorgt werden könnten. Es ist alles so unverhältnismäßig. Es wird alles so wenig in Frage gestellt. Ist man den einen Tag noch schockiert von halbtoten und aus Trümmern gezogenen Kleinkindern in Aleppo, an denen der Staub und das Blut dieser ehemaligen und nun belagerten Stadt hängt, überlegt man am nächsten Tag, ob es nicht Zeit wird das IKEA-Einerlei hinter sich zu lassen und in „wertigere“ Maßarbeiten aus Berlin Neukölln zu investieren.

Ich kann das manchmal alles nicht ertragen. Nicht nur nicht verstehen. Ertragen. Ich kann es so oft nicht ertragen. Diese Scheinheiligkeit. Vor allem, weil diese Runde ja letztlich auch nur die Wiederauflage der Vergangenheit ist.

Und dann sitzt man während einer Runde etablierter Erwachsener, alle über 40 und gut in Lohn und Brot, an einem Freitagabend an einer Käseplatte und der Gesprächspartner rechts neben einem beginnt darüber zu referieren, wie vermessen er die Klagen jener findet, die meinen in diesem, unseren Land täte sich die Schere zwischen arm und reich immer weiter auf. „Ja, wo denn?“, fragt er mich so, dass es auch alle mitbekommen. Alle. Er sei schon überall gewesen und kenne diese Welt auch von einer ganz anderen Seite. Er käme nicht über diese Form der Anmaßung hinweg. Und ich komme mir klein und dreckig vor. Aber nein! Selbstredend gilt es auch hier aufzubegehren. Das, was er dann im Folgenden nämlich ausführte, von wegen jeder kann immer alles, diese ewige Tellerwäscher-Mär, trifft einfach nicht zu. Es kann hier nicht jeder alles. Und, dass die Verhältnisse hier so sind, wie sie sind, ist doch auch maßgeblich für alles andere drumherum. Denn wer es nicht einmal auf so hohem Ross reitend schafft, die Mäuler aller zu bedienen, wird auch niemals vermögen, über den Tellerrand hinaus etwas zu bewegen. Das Kleine hängt mit dem Großen zusammen. Immer.

So, genug echauffiert und auch: parallel zu viel Kuchen gestopft.

Auf dann!

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