Vom Leben im Arbeiten

Es gibt nicht zu wenige Tage, an denen würde ich gerne Zeitungen verteilen, Brötchen verkaufen, das von einem Rechtsanwalt besprochene Diktierband niederschreiben. Gemein haben all diese Dinge, dass ich sie in meinem Leben bereits einmal getan habe. Es waren nicht die schlechtesten Zeiten. Ich kann mich gut erinnern, die Stunden hinter der Theke, am Zeitungskarren, in der Kanzlei als befriedigend erlebt zu haben. Kopf aus, Arbeit an.

Nun handelte es sich bei all diesen Jobs um Nebenverdienste. Neben der Schule, der Übergangszeit zum Studium, während der Uni. Sie waren mehr oder weniger schlecht bezahlt und um davon leben zu können, müsste man sie wohl Vollzeit verüben. Auch nicht schön. Denn das nur von Automatismen getriebene Arbeiten funktioniert, glaube ich, immer so lange, wie wir daraus eine Perspektive schöpfen können, wenn wir wissen, was danach kommt, kurzum das Arbeiten an sich befristet ist. So auch erlebt am Fließband in den Sommerferien während der Schulzeit. Für eine Zeit lang gut. Für immer unvorstellbar, zur Früh- oder gar Spätschicht aus dem Leben an der Sonne (oder unter den Wolken) in die karge vom künstlichen Licht angestrahlte Welt, gar in den Kerker eines Fabrikjobs zu verschwinden.

Was ich damals noch nicht zu realisieren wusste: Büros sind nicht weniger Kerker als Fabrikhallen. Und das sage ich nicht nur, weil sie manchmal genauso wenig Tageslicht für einen bereithalten wie Fabrikhallen. Diese Bürojobs halten uns ebenso gefangen in jenem Paralleluniversum, das wir Arbeiten nennen, das in der Überzahl der Fälle aber wenig mit dem zu tun hat, wie wir unsere Zeit gerne verbringen wollen würden. So wir denn überhaupt noch in der Lage sind, uns vorzustellen, wie wir leben könnten, wenn wir nicht andauernd arbeiten müssten.

An sich wäre eine Trennung zwischen Freizeit und Arbeiten ja nicht unbedingt verkehrt. Aber wann haben wir eigentlich akzeptiert, dass dies Leben mehr ein Leben im Arbeiten ist als eines, in dem wir arbeiten, um davon leben zu können?

Ich kenne tatsächlich kaum Menschen, die diese Form des Arbeitens grundsätzlich in Frage stellen. Irgendwie scheint die Verständigung darüber, dass dieser Weg ein vorgezeichneter und nicht zu ändernder sei, um sich und seinen Lebenswandel zu finanzieren, den meisten als Status Quo eingeimpft. Hier wird im Zweifel lediglich über Voll- oder Teilzeit, das freie oder angestellte Arbeiten entschieden und das Maß an persönlicher Freiheit über freie Tage, gar Urlaub definiert. Wochenenden dienen im Angestelltensein qua Gesetz zur Erholung für die kommende Arbeitswoche. Im Extremfall liegt der Arbeitende nach getanem Werk nur noch danieder. Kopf aus. Glotze an.

Und ja klar, in einer Welt, in der unser Alltag von Ausgaben bestimmt ist und die Wertschöpfung unser Sein dekliniert, ist die Vorstellung, wie es wäre, das eigene Leben nicht vor allem ums Materielle zu ranken und sich im Gegenzug ein wenig mehr Freizeit zuzugestehen, schier unvorstellbar.

Gar nicht auszudenken, was man alles mit seiner Zeit anfangen könnte, ja sogar müsste, wenn man nicht nahezu alle Werktage, will sagen die Rushhour des Lebens zum Dienst antreten müsste, um eben jenen Materialismus finanzieren zu können.

Dabei ließe sich der Tag doch auch so gut auf einer Wiese liegend beginnen, ja sogar verbringen, beenden. Über einem nur die Sonne, um einen herum nur das Rauschen der Baumwipfel, ein paar Pollen auf dem Gesicht.

Nun gut. So viel zur Utopie (*Räusper). Das Nichtarbeiten für immer ist mutmaßlich so erstrebenswert wie den ganzen Tag etwas zu tun, das nicht mehr als den Zweck Geldverdienen erfüllt.

Ziele zu definieren, ist die neue Anwesenheitspflicht

In uns allen steckt wohl der Drang, uns irgendwie nützlich zu machen, um die eigene Existenz abzusichern. Das aber sollte sich doch heute anders organisieren lassen als im Taylorismus, von Peter Drucker oder irgendeinem anderen Managementguru des zurückliegenden (sic!) Jahrhunderts beschrieben. Für wen ist es im Designzeitalter denn noch dienlich, acht oder mehr Stunden am Stück buckelig vor einem Bildschirm abzuhängen? Was spräche denn dagegen, den Arbeitenden etwas mehr Eigenverantwortung zuzugestehen, sich und ihre Projekte zu organisieren? Wer will denn skalieren, wie ein Angestellter, fester Freier, kurzum ein Individuum am besten arbeitet? Ob dieses Individuum nun seine Arbeit von einer Bank in der Sonne aus erledigt, in vielen, einzelnen über den Tag, die Woche, den Monat, erstreckten Etappen, anstatt innerhalb eines achtstündigen Marathons in einem Großraumbüro neben der Tischtennisplatte, ist doch wirklich unerheblich. Solange das Ergebnis stimmt. Es gälte also Ziele zu definieren, anstatt darüber bestimmten zu wollen, auf welchem Weg und an welchem Ort dieses Ziel erreicht wird. Kurzum: Effizienz ist dieser Tage nicht mehr mit Anwesenheit gleichzusetzen und doch arbeiten die meisten von uns immer noch nach diesem Prinzip.

Und ja ja, so viel zu den Problemen. Die sind ja immer schnell an der Hand. Ich arbeite daran (ha!). So lange: Die Wiese ruft.

 

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