Gegen den Strom

Verehrter D.,

um die Luft auf dem Weg zur Arbeit steht es in den Öffentlichen Verkehrsmitteln Berlins nicht immer zum besten. Je näher das Büro und damit Mitte rückt, desto dünner wird sie. Manchmal scheint der Erstickungstod schon nah und dann öffnet sich die Tür zum Bahnsteig am Touristen- und Primark-Moloch Alexanderplatz dann doch noch. Sie wissen ja um meine gelegentliche Aversion zum Thema Festanstellung in einem Job, der nur dem Geld aber keiner Leidenschaft geschuldet ist und den Konsequenzen für das eigene Zeitkonto bis zum Ausscheiden aus diesem Leben. Sie sind deshalb sicherlich nicht überrascht, wenn ich Ihnen offenbare: Mag der Sauerstoff an solchen Tagen noch so knapp sein, nach den letzten Atomen zu japsen und einfach in der Bahn zurückzubleiben, um den Tag alternativ anzugehen… ach ja, die Utopie lässt grüßen.

Gestern Morgen bin ich zwar nicht sitzengeblieben, stattdessen aber zunächst in die entgegengesetzte Richtung gefahren, ehe ich nach Mitte umstieg. Sehr erholsame Minuten waren das, in denen mein Auge auf leeren Sitzen ruhte – genau wie mein Körper, den ich ansonsten zwischen gefühlt weitere 100 Pendler quetsche. Ja ja, schon gut: ich zeichne die Vergangenheit mal wieder zu schön. Ich war nicht alleine in dieser Tram, die gen Weißensee fuhr – aber nahezu, das zählt ja auch. Die wenigen Mitreisenden und mich trennten unterdessen nicht nur Sitzreihen, sondern vor allem meine bildungsbürgerlichen Nöte und damit Welten.

Denn selbstredend ist es dekadent, sich über einen ordentlich bezahlten Bürojob zu beklagen und noch viel schlimmer, immer mal wieder darüber zu sinnieren, das Handtuch zu werfen, während mir auf den letzten Metern ins Büro auf der Friedrichstraße jeden Morgen die gleiche Frau kommentarlos kniend den Becher entgegenhält. Das finden Sie aufdringlich? Ich finde nur folgerichtig, mir den Spiegel vorzuhalten. Alles hat seinen Preis, Herr D. Keine Privilegien für die einen ohne den Rückstand der anderen.

Und wissen Sie was, letztlich sind es letztere Gedanken, die mir so viel Respekt abringen, dass ich mich dann doch jeden Tag neben all die Leute in die Tram quetsche.

Hilft ja nix, der Alex wird davon trotzdem nicht schöner.

Bis bald,

Ihre K.

 

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