Eine Heimatmelodie: Mäh, ihr Schafe

Heimat

Liebe Kinder, werter DD,

Sie fragen sich, was die Kinder in der Anrede sollen, die ja ansonsten nur Ihnen gewidmet ist? Nun, zum einen als kleine Erinnerungsstütze: Wenn Sie sich hier weiter so rar machen, werde ich für nichts garantieren, wieherte es aus dem Off. Mit vergifteten Pfeilen schieße ich aber erst auf Sie, wenn mein Herz die Abstinenz nicht mehr erträgt. Zum anderen aber dienen mir die Kinder dazu, auf folgendes zu verweisen: Dieser Eintrag hier soll ausnahmsweise mal jugendfrei gestaltet sein. Jaja, ich weiß: enttäuschend.

Zum Wesentlichen.

DD, eigentlich darf ich mich ja gar nicht beklagen: Für unsere Verhältnisse haben wir uns ja quasi erst Gestern das letzte Mal gesehen. Noch dazu sogar in der gemeinen Heimat Wuppertal. Und dann will mein Bruder bald vor den Traualtar, ich werde Sie also in näherer Zukunft schon wieder behelligen.

Öhm, mehr will ich hier jetzt auch gar nicht rumhaten. Ich will mit diesen Zeilen ja vielmehr wohin. Nämlich auf den schmalen Grat der Erkenntnis. Die überfällt mich ja doch jedes Mal mit dem Hammer, wenn ich mit dem ICE ins Bergische einfahre. Gleich darauf krallt sich in der Regel eine kalte Hand mein Herz und ich ahne, diese Stadt beklemmt micht.

Heimatlos.

Worauf ich also egentlich hinaus will: Wuppertal ist klein. Berlin ist mir manchmal zu groß. Aber Berlin ist eben nicht klein. Damit geht es mir wohl wie den meisten Schafen, die sich hier einfinden. Immer in der Hoffnung, das Gras in der Hauptstadt sei grüner, saftiger, ja insgesamt einfach uns Weidetieren entsprechender als das in unserer Heimat. Ist es nicht. Berlin löst unsere Probleme, die wir Zugezogenen aus den vermeintlich engen Strukturen unserer Herkunft mitgenommen haben, nicht auf. Im Gegenteil: es verstärkt sie.

Die aus der Ferne überzeichneten Annahmen von der Hauptstadt lösen sich nach der Ankunft erst einmal in Schmerz über die Anonymität aus. Kälte ist in dieser Stadt nicht nur eine Frage der zuweilen unerträglich sibirischen Winter im Osten. Sie ist hier ein Lebensgefühlt. Klar, im Frühjahr kitzelt uns die Sonne wieder auf die Straße – und sicherlich, dann ist das für einen Moment sensationell. Bis wir in unsere dunkle, nasskalte Bude im Wedding zurückkehren. Der ja kommen soll – seit 10 Jahren. Der aber vor allem noch bezahlbar ist für Schafe wie uns, die alle irgendwas mit Medien machen wollen, DIE Idee für ein Startup haben oder noch obszöner freie Kunst an der UdK studieren. Hier in Berlin gilt es sich endlich zu verwirklichen, sprach es, sprachen sie, sprachen wir – das wollen hier Alle. Sind Sie, Herr D. in der letzten Zeit einmal durch Neukölln gelaufen? Absurd exzentrisch. Womöglich auch nur altklug und von einem überbordenden Selbstbewusstsein gezeichnet, diese Mitzwanziger, bzw. auch Ü30-Generation, die wie Sarah Kuttner nicht erwachsen werden mag. Lieblingsbuch: Hermann Hesse. Steppenwolf. Da fasst man sich doch innerlich an den Kopf!

Die meisten der Kopfverdrehten kommen früher oder schneller runter von ihrem Sonder-Trip. Klar, nach einer gewissen Phase der Anpassung und vielleicht auch der Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren. Wer das nicht kann, bleibt Opfer und lässt alle Touristen annehmen, das #umsichselbstkreisen sei hier an der Spree Normalzustand. Über so viel Awesomness lässt sich aber auch schon Mal vergessen, wie einerlei unser aller Leben ist.

Ich bin jedenfalls keines dieser Weddinger oder Neuköllner oder was auch immer Schafe. Ich bin Schwabe. Das ist irgendwie anders und doch dasselbe. Kostet eben mehr Geld. Sie meinen, Herr D., da hätte ich ja gleich in Wuppertal bleiben können? Ach ja, vielleicht stoßen mir all die Hedonisten hier auch nur auf, weil ich Wuppertal eben doch nicht verleugnen kann.

Wobei: Nääähhh, blökte das Schaf. So einfach ist es dann eben doch nicht. Sie kennen Berlin ja und wie seine Größe uns das Kleine aberzieht.

Ich bin lange schon heimat-, aber nicht mehr rastlos. Mit Berlin hat das aber nichts zu tun. Irgendwann werde ich es noch einmal mit Hamburg probieren. So viel steht fest.

In diesem Sinne,

Ihre K.

 

 

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